Salzburg Summit 2022 – Rohstoffversorgung in Europa 2022

Von 27. Bis 29. Juli 2022 fand in Salzburg der von der Industriellen Vereinigung organisierte Salzburg Summit 2022 statt. Diese hochkarätige Veranstaltung wird auch als die Festspiele der Wirtschaft gehandelt und über 200 der wichtigsten CEOs, Politiker und Denker aus Österreich und der ganzen Welt versammelten sich, um über Schlüsselthemen, die die Gesellschaft bewegen zu diskutieren, darunter Referenten wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Johannes Hahn, Sabine Herlitschka oder Wolfgang Schüssel. Die Themen reichten von der Wirtschaft über die Politik bis hin zur Wissenschaft.

Diesmal ebenfalls als Experte und Speaker geladen war Peter Moser, Vizerektor der Montanuniversität Leoben, der dem Publikum besondere Einblicke und seine Gedanken zum aktuell brisanten Thema Rohstoffversorgung in Europa zuteilwerden ließ. Ziel seines Vortrages war es aufzuzeigen, wie eine krisensichere Versorgung der österreichischen und europäischen Industrie mit Rohstoffen in der Zukunft besser gelingen könnte als heute.

Rohstoffversorgung in Europa 2022

Vizerektor Moser warf zu diesem Zweck zu Beginn ein kurzes Schlaglicht auf den aktuellen Zustand der Versorgung Europas mit Rohstoffen, wozu sich bestens die seitens der EU kommunizierte Zahl der kritischen Rohstoffe eignete, unter anderem: Kobalt, Gallium, Graphit oder die vielfach genannten Seltenen Erden. Die Zahl dieser kritischen Rohstoffe hat sich in den letzten zehn Jahren, also seit 2012 mehr als verdoppelt: heute gibt es 30 kritische Rohstoffe, deren Versorgungslage so kritisch ist, dass sie von der EU auf eine rote Liste gesetzt werden.

Mangelnde Verfügbarkeit von Rohstoffen für die Chip Produktion oder für Solarpanele, Windturbinen etc. seien dramatische Beispiele für die durch die Corona bedingte Störung von Lieferketten oder die durch den Ukraine Krieg zutage getreten sind. Weiters habe sich mit der Auslagerung der Rohstoffproduktion aus Europa, diese in wenigen Ländern, und da vor allem in China, konzentriert. China kontrolliert heute sowohl auf der Rohstoffseite als auch bei deren Verarbeitungstechnologie die gesamte Palette der Ressourcen für den Green Deal. Ohne Rohstoffe aus China sei der Green Deal undenkbar betonte Moser nachdrücklich.

Trotz dieser scheinbar düsteren Lage, rief er dazu auf den Kopf nicht in den immer knapper werdenden Sand zu stecken. Denn unsere Gesellschaft in Europa habe Möglichkeiten sich zukünftig versorgungssicher aufzustellen.

Lokale Rohstoffversorgung

Die Strategie zur Reduzierung der Abhängigkeit könne realistischerweise nicht zu einer Rohstoffautarkie führen, sondern solle vielmehr dahin gehen, eine krisensichere Versorgungssituation gewährleisten, die sich wie folgt zusammensetzt:

  • Rohstoffproduktion in Europa aus eigenen Lagerstätten
  • Nutzung von Rohstoffen aus dem Recycling
  • gesicherter Import im Rahmen von Rohstoffpartnerschaften
  • markttechnisch stabilisierende Maßnahmen

Zur Rohstoffproduktion in Europa aus eigenen Lagerstätten erläuterte Moser, dass es in Europa erwiesenermaßen die erforderlichen Lagerstätten, wie auch die modernsten und nachhaltigsten Technologien gibt, Rohstoffe lokal und CO₂ neutral abzubauen und dabei gesicherte Versorgungsketten aufzubauen. Dabei würde auch für die notwendige Verbindung zwischen der Bevölkerung, ihrem eigenen Konsumverhalten und den Rohstoffen geschaffen, was in der heutigen Zeit durch die Auslagerung der Produktion in Drittländer oftmals verloren gegangen ist.

Recycling von Rohstoffen

Jedoch spiele auch die Rohstoffnutzung aus dem Recycling laut Moser eine entscheidende Rolle in der nachhaltigen Verankerung von Produktionsketten in Europa, besonders im Hinblick auf den Aufbau eines Europäischen Ressourcenkreislaufes im Sinne der Circular Economy. Ziel müsse sein, Produkte am Ende ihrer Verwendung in einem Höchstausmaß einem Recycling in Europa zuzuführen und damit Ausgangsstoffe für neue Produkte zu bilden.

Mit dem Ansatz der Circular Economy werde aber leider fälschlicherweise oft die Möglichkeit der Versorgung der Gesellschaft in naher Zukunft zu 100 % aus recycelten Produkten gesehen. Nicht fehlender Wille zum Recycling sei dafür verantwortlich, dass wir längerfristig in durchaus noch erheblichem Ausmaß neue Rohstoffe brauchen würden, sondern folgende wesentliche Umstände:

  • das unvermeidbare Downgrading der Stoffqualitäten
  • der Bedarf und Einsatz neuartiger Rohstoffe
  • die mittel- und langfristige Bindung von Ressourcen in Infrastruktur und langlebigen Produkten bevor diese einem Recycling zugeführt werden können
  • Unvermeidbare Stoffverluste im Zuge des Gebrauches und des Recyclings: technische Systeme weisen auch bei größtmöglicher Optimierung immer eine Effizienz unter 100% auf.

Recycling biete langfristig enorme Chancen für eine gesicherte Rohstoffversorgung, aber die Gesellschaft müsse sich auch der derzeitigen Grenzen des Recyclings bewusst sein.

Strategische Rohstoffpartnerschaften

Als weiterführenden Punkt erläuterte Moser, dass Europa in der Vergangenheit auf Rohstoffimporte angewiesen war, und dies auch weiterhin sein werde. Eine vollständige oder auch nur weitgehende Eigenversorgung sei nicht machbar. Daher wäre ein gesicherter Import auf Basis von breit aufgestellten Rohstoffpartnerschaften mit Lieferanten Ländern ein wesentlicher Eckpfeiler einer krisensicheren Rohstoffversorgung.

Ganz allgemein gelte, eine langfristige strategische Sichtweise auf solche Partnerschaften zu pflegen und nicht nur eine kurzfristige marktwirtschaftliche.

Lagerhaltung von Rohstoffen

Zur Abrundung hob der langjährige Rohstoffexperte hervor, dass es für eine nachhaltige Ressourcensicherung extrem wichtig sei, diese aus dem kurzfristigen Element der durch Spekulation getriebenen Angebots- und Nachfragedynamik herauszuführen, die nur in einer hohen Volatilität der Rohstoffpreise resultiere und zu mangelndem Investmentwillen führe. Die im Energiebereich seit Jahren geübte Praxis der strategischen Bevorratung könne dieser Situation Abhilfe schaffen. Sie hat sich im Ölbereich sehr bewährt und wird aktuell auch im Gasbereich eingeführt. Eine Lagerhaltung von kritischen Rohstoffen auf Europäischer Ebene, also für jene Rohstoffe die auf der roten Liste stehen wäre sogar sehr kurzfristig machbar, weil die Mengen klein und überschaubar sind, die Lagerhaltung technisch einfach ist, viel einfacher als bei Öl und Gas und die Kosten im Vergleich zu Schäden aus instabilen Lieferketten gering sind. Die Erfahrung zeige, dass schon geringe Mengen aus der Freigabe von strategischen Reserven die Rohstoffmärkte rasch stabilisieren und Nachfrage und Angebot in Balance bringen. Moser bekräftige, dass er keinesfalls für staatliche Eingriffe in die freie Wirtschaft sondern einfach für die Sicherstellung einer Grundversorgung mit Energie und Rohstoffen für ein erfolgreiches Wirtschaften plädiere.

Umsetzbar seien all diese Maßnahmen im notwendigen Perspektivenhorizont 2030 bis 2035, jedoch mit der Maßgabe, dass vor allem hochwertige Lagerstätten in Europa ebenso wie Rohstoffe aus dem Recycling in zeitlich überschaubaren Genehmigungsverfahren einer wertschöpfenden Nutzung zugeführt werden können. Neben verantwortungsvoller Technologie und engagierter junger Leute bedürfe es eben auch geeigneter Randbedingungen in gesetzlicher Hinsicht. Die genannten Aspekte stellen eine hohe Motivation dar, einer gesicherten Rohstoffversorgung für Europa auch im Bereich mineralischer Rohstoffe und nicht nur im Bereich der Nahrungsmittel eine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken.

 

https://salzburgsummit.com/

“Resources Innovation Center an der Montanuniversität Leoben – Ressourcenforschung im Kontext der globalen Entwicklung“
10.1007/s00501-019-0840-2

“Raw Materials as a Driver of Economic Growth and Job Creation in the Transition to an Innovation-driven Low-carbon and Circular Economy”
https://doi.org/10.1007/s00501-019-0841-1

„Mineralische Rohstoffe und Nachhaltigkeit“
https://doi.org/10.1007/s00501-019-0839-8

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